Erinnerungen
Frau Löbenzahn war eine Dame. Wenn sie Tee trank, dann trank sie ihn nur aus hauchdünnen Teetassen. Beim Trinken hob sie die Tasse vorsichtig an den Mund. Und nippte. Und spreizte den kleinen Finger der rechten Hand zur Seite. Sie schlürfte nie. Frau Löbenzahn trug stets elegante Schuhe. Sogar, wenn sie ihr ein bisschen die Zehen zusammenquetschten. Aber „Au“ oder so was sagte sie nie. Was Fluchen ist, das wusste sie nie. Was Fluchen ist, wusste sie auch nicht. Nein, das stimmt nicht. Sie wusste es schon. Aber so was tut eine Dame nicht!
Ging Frau Löbenzahn aus, hatte sie immer ein krokodilledernes Handtäschchen dabei. Und weiße Spitzenhandschuhe. Und ein Hütchen auf dem Kopf. Und sie trippelte. Genau genommen war Frau Löbenzahn gar nicht gerne eine Dame. Weil es ganz schön umständlich war, eine Dame zu sein. Langweilig war es auch. Frau Löbenzahn war früher das wildeste Mädchen in der ganzen Straße. Immer hatte sie Lederhosen an, riss ihre Freundinnen an den Haaren, schrieb die Hausaufgaben von anderen ab, prügelte sich mit Paul, dem Sohn vom Bäcker, und strich ihren Lehrern Leim auf den Stuhl. Und jedes Mal hatte Frau Löbenzahns Mutter gestöhnt: Sooo wird nie eine Dame aus dir!
Das kriegte die kleine Emmi Löbenzahn zehnmal am Tag zu hören. Immer pfiff es zum einen Ohr rein und zum anderen Ohr wieder raus. Aber irgendwann hat es eben doch gewirkt. Frau Löbenzahn beschloss, eine Dame zu werden. Sie lernte sogar Klavier spielen. Weil ihre Mutter gesagt hatte, dass eine richtige Dame Klavier spielen können muss.
Eines Morgens saß Frau Löbenzahn an ihrem Cembalo und übte ein Stück von Bach. Ein Cembalo sieht aus wie ein Klavier, klingt aber schöner. Außerdem passt es besser zu Damen. Frau Löbenzahn konnte die Melodie noch nicht richtig spielen. Sie übte immer und immer wieder. Und noch mal. So war es auch kein Wunder, dass die alte Frau Srikowitz aus der ersten Etage mit dem Besenstiel gegen die Decke klopfte. Sofort hörte Frau Löbenzahn auf zu üben. Sie seufzte Sie klappte den Deckel von ihrem schönen weißen damenhaften Cembalo zu, als die Türklingel schrillte. Frau Löbenzahn verzog das Gesicht und hielt sich die Ohren zu. Damenohren sind sehr lärmempfindlich. Sie trippelte zur Tür. Diese dummen hohen Schuhe!
Das war bestimmt Frau Srikowitz. Gleich würde sie sich über die Musik beschweren. Aber der da vor der Tür stand, sah ganz anders aus als die kleine verhutzelte Frau Srikowitz. Er war riesengroß, breit wie ein Elefant und hatte eine blaue Uniform an. Und auf dem Ärmel ein aufgenähtes Posthorn. „Sind sie Frau Löbenzahn?“ fragte der Postbote und drückte Frau Löbenzahn ein riesiges Paket in die Arme. „Witziger Name, mit Druckfehler, hihi, was? Wiedersehen!“
Weg war er. Frau Löbenzahn guckte sehr verdutzt. Eine Dame bekommt nur parfümierte Briefe, dachte sie. Und nicht ein unhandliches Paket von einem verschrobenen Briefträger. Keuchend trug sie das Paket zum Tischchen neben dem Cembalo. Sie las den Absender: Eberhard Löbenzahn, Sydney, Australien. Vetter Eberhard! Frau Löbenzahn wischte sich eine Träne der Rührung aus dem Augenwinkel. Für einen Augenblick vergaß sie, dass sie Vetter Eberhard eigentlich nie leiden konnte. Hatte er vielleicht an ihren Geburtstag gedacht? Der war nämlich in einer Woche. Mit spitzen fingern zog und zerrte Frau Löbenzahn an der langen Schnur. Das Paket ließ und ließ sich nicht öffnen. „Ärgerlich, diese vielen Knoten“, sagte sie. Sie erschrak über ihre eigene Stimme. Die hatte sie schon lange nicht mehr gehört, wenn sie ganz allein zu Hause war. Und sie war immer allein zu Hause. Aber sie pflegte selten mit sich selbst zu reden.
In dem Riesenpaket war ein kleineres Paket. Und in dem kleineren Paket befand sich noch eins. Und darin noch eins. Und noch eins. Frau Löbenzahn kam ganz undamenhaft ins Schwitzen.
Elfie Donnelly: Ein Paket für Frau Löbenzahn
Ging Frau Löbenzahn aus, hatte sie immer ein krokodilledernes Handtäschchen dabei. Und weiße Spitzenhandschuhe. Und ein Hütchen auf dem Kopf. Und sie trippelte. Genau genommen war Frau Löbenzahn gar nicht gerne eine Dame. Weil es ganz schön umständlich war, eine Dame zu sein. Langweilig war es auch. Frau Löbenzahn war früher das wildeste Mädchen in der ganzen Straße. Immer hatte sie Lederhosen an, riss ihre Freundinnen an den Haaren, schrieb die Hausaufgaben von anderen ab, prügelte sich mit Paul, dem Sohn vom Bäcker, und strich ihren Lehrern Leim auf den Stuhl. Und jedes Mal hatte Frau Löbenzahns Mutter gestöhnt: Sooo wird nie eine Dame aus dir!
Das kriegte die kleine Emmi Löbenzahn zehnmal am Tag zu hören. Immer pfiff es zum einen Ohr rein und zum anderen Ohr wieder raus. Aber irgendwann hat es eben doch gewirkt. Frau Löbenzahn beschloss, eine Dame zu werden. Sie lernte sogar Klavier spielen. Weil ihre Mutter gesagt hatte, dass eine richtige Dame Klavier spielen können muss.
Eines Morgens saß Frau Löbenzahn an ihrem Cembalo und übte ein Stück von Bach. Ein Cembalo sieht aus wie ein Klavier, klingt aber schöner. Außerdem passt es besser zu Damen. Frau Löbenzahn konnte die Melodie noch nicht richtig spielen. Sie übte immer und immer wieder. Und noch mal. So war es auch kein Wunder, dass die alte Frau Srikowitz aus der ersten Etage mit dem Besenstiel gegen die Decke klopfte. Sofort hörte Frau Löbenzahn auf zu üben. Sie seufzte Sie klappte den Deckel von ihrem schönen weißen damenhaften Cembalo zu, als die Türklingel schrillte. Frau Löbenzahn verzog das Gesicht und hielt sich die Ohren zu. Damenohren sind sehr lärmempfindlich. Sie trippelte zur Tür. Diese dummen hohen Schuhe!
Das war bestimmt Frau Srikowitz. Gleich würde sie sich über die Musik beschweren. Aber der da vor der Tür stand, sah ganz anders aus als die kleine verhutzelte Frau Srikowitz. Er war riesengroß, breit wie ein Elefant und hatte eine blaue Uniform an. Und auf dem Ärmel ein aufgenähtes Posthorn. „Sind sie Frau Löbenzahn?“ fragte der Postbote und drückte Frau Löbenzahn ein riesiges Paket in die Arme. „Witziger Name, mit Druckfehler, hihi, was? Wiedersehen!“
Weg war er. Frau Löbenzahn guckte sehr verdutzt. Eine Dame bekommt nur parfümierte Briefe, dachte sie. Und nicht ein unhandliches Paket von einem verschrobenen Briefträger. Keuchend trug sie das Paket zum Tischchen neben dem Cembalo. Sie las den Absender: Eberhard Löbenzahn, Sydney, Australien. Vetter Eberhard! Frau Löbenzahn wischte sich eine Träne der Rührung aus dem Augenwinkel. Für einen Augenblick vergaß sie, dass sie Vetter Eberhard eigentlich nie leiden konnte. Hatte er vielleicht an ihren Geburtstag gedacht? Der war nämlich in einer Woche. Mit spitzen fingern zog und zerrte Frau Löbenzahn an der langen Schnur. Das Paket ließ und ließ sich nicht öffnen. „Ärgerlich, diese vielen Knoten“, sagte sie. Sie erschrak über ihre eigene Stimme. Die hatte sie schon lange nicht mehr gehört, wenn sie ganz allein zu Hause war. Und sie war immer allein zu Hause. Aber sie pflegte selten mit sich selbst zu reden.
In dem Riesenpaket war ein kleineres Paket. Und in dem kleineren Paket befand sich noch eins. Und darin noch eins. Und noch eins. Frau Löbenzahn kam ganz undamenhaft ins Schwitzen.
Elfie Donnelly: Ein Paket für Frau Löbenzahn
