Reisevorbereitungen


I ch hatte Max Böhm versprochen, ihm vor dem letzten großen Aufbruch noch einen Beruf abzustatten. An dem Tag braute sich über der französischen Schweiz ein Unwetter zusammen. Am Himmel ballten sich bläulichschwarze Wolkenmassen, zwischen denen glashelle Abgründe klafften, und ein heißer Wind wehte aus allen Richtungen. Ich fuhr in einem gemieteten Cabrio am Ufer des Genfer Sees entlang. In einer Kurve tauchte Montreux auf, wie ein Schemen in der elektrisch geladenen Luft. Der See schlug unruhige Wellen, und die Hotels schienen, trotz der Touristensaison, zu düsterem Schweigen verurteilt. Kurz vor dem Zentrum verringerte ich das Tempo und bog in die engen Gassen ein, die zur Oberstadt hinaufführten.
Als ich vor Max Böhms Chalet eintraf, herrschte beinahe Finsternis. Es war fünf Uhr nachmittags. Ich läutete, keine Antwort. Ich läutete abermals und lauschte. Drinnen rührte sich nichts. Ich drehte eine Runde ums Haus, kein licht, kein offenes Fenster. Sonderbar. Bei meinem ersten Besuch hatte ich Böhm als einen eher pünktlichen Menschen kennen gelernt. Ich kehrte zu meinem Wagen zurück und wartete. In der Ferne wälzte sich ein dunkles Grollen über den Himmel, und ich schloß das Verdeck des Wagens. Um siebzehn Uhr dreißig war Böhm noch immer nicht erschienen. Ich beschloß, zum Freigelände zu fahren, vielleicht war der Ornithologe unterwegs und beobachtete seine Schützlinge.
Jean-Cristophe Grangé›DER FLUG DER STÖRCHE‹

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